Nach den Schmerzen 1

Der alte Wagon des Zugs rumpelte in regelmäßigen Abständen, sodass Sarahs Kopf unsanft gegen die Fensterscheibe schlug. Immer dieselbe Reihenfolge – ein Zischen, ein quietschendes Schleifen und dann der dumpfe Schmerz in ihrer linken Schläfe. Sie hätte ohne Weiteres den Kopf von der Scheibe nehmen können, doch sie genoss die beruhigende Kühle des Glases an ihrer warmen Stirn.

Ihre Augen starrten blicklos in die Schwärze außerhalb – ihrer eigenen Reflektion so nahe, dass sie sich ihrer selbst näher fühlte als jemals zuvor. Sie versank in der süßen Melancholie der nächtlichen Zugfahrt, in dem Gefühl allein in einer dunklen und unwirklichen Leere zu sein und doch gleichzeitig zu wissen, dass irgendwo in der sie umfließenden Dunkelheit Menschen ihre ganz eigenen Leben lebten – und dass diese Menschen durch etwas nicht Greifbares mit ihr verbunden waren. Und doch waren sie ihr so fern wie ein Stern dem anderen, denn unter der Melancholie verbarg sich ein viel mächtigeres Gefühl – lauernd, wartend.

Angestrengt versuchte sie an nichts zu denken und selbst den stets wiederkehrenden Schmerz in eine Art allumfassendes Mantra einzubeziehen, aber natürlich war das nicht möglich. Der ungeheure Verlust war so sehr zu einem Teil ihres Lebens geworden, dass sie ihn genauso wenig unterdrücken konnte, wie sie aufhören konnte zu blinzeln oder zu atmen. Jede Bewegung, jedes Wort, jede wie auch immer geartete Veränderung des kosmischen Energiefelds um Sarah herum machte ihr bewusst, um wie viel ärmer, dunkler, trauriger, bedeutungsloser, kälter und vor allem langweiliger die Welt geworden war, seit Jane nicht mehr in ihr war.

Im Angesicht des Todes, so heißt es, läuft dem Sterbenden sein ganzes Leben wie im Zeitraffer vor Augen ab. Doch Sarah hatte mit Bestürzung feststellen müssen, dass das auch für Trauernde galt. Im Gegensatz zu den Sterbenden wurde dieser Film jedoch nicht vom Unvermeidlichen beendet, sondern dehnte sich zu einer quälenden Endlosschleife.

Genau wie der Schmerz und der Verlust immer da waren, war auch der Film vor ihrem geistigen Auge immer da. Jane, die sie liebevoll in den Arm nahm; Jane die sich bei Das Leben des Brian vor Lachen fast in die Hose machte; Jane nackt auf dem Futon in ihrem Loft, dazu der Geruch von Räucherkerzen und dunkler Schokolade; Jane im Park auf einer Bank, die Zigarette in der linken Hand, den Blick gen Himmel gerichtet, Jane mit wutverzerrtem Gesicht, die ein Wiskeyglas warf.

Mit einem unbewussten Lächeln berührte Sarah die kleine Narbe an ihrem Haaransatz. Die guten und die schlechten Zeiten, das war ein Klischee, aber verdammte Scheiße noch mal, wenn es nicht so war. Sarah hätte alles gegeben noch einmal Janes Stimme zu hören, wirklich alles um noch einmal bei ihr zu sein, sie noch einmal berühren zu können. Selbst wenn es nur die letzten Sekunden gewesen wären, die sie gemeinsam verbracht hatten. Sie hätte es alles bereitwillig angenommen, die Schreie, den Gestank und das unbändige Gefühl der Machtlosigkeit, wenn es nur etwas länger angedauert hätte – nur einen Augenblick.

Aber alles was sie hatte, war die Melancholie, der Scherz, die Schwärze dort draußen und ihr ganz eigener Dauertrip die Memory Lane hinunter.

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