Nach den Schmerzen 2

Die Fähigkeit Gefühle zu empfinden, ist für Viele der Teil, der uns vom Tier unterscheidet, aber er ist auch unsere größte Schwäche, denn er klammert sich an das erstbeste Konzept von Ruhe, Sicherheit oder Geborgenheit, das wir finden können und hält sich daran fest, wie ein Ertrinkender an einem Stück Treibholz.

Und genau das versuchte Sahras Verstand nun, um aus dem Sog ihrer Trauer zu entkommen – kein Akt von psychologischer Würde, sondern der nackte Instinkt eines Hasen im Angesicht der heranrasenden Scheinwerfer.

Neben dem Chaos in ihrem Inneren und dem dumpfen wiederkehrenden Schmerz, beschäftigte Sarah noch etwas Anderes: Was hatte es nur mit der Maus auf sich?

Die Maus waren ein Hirngespinst, das Kauderwelsch eines Schlafwandlers, oder – und das machte Sarah auch im Nachhinein noch Angst – die Fantasie des Kindes, in das sich ihre Geliebte am Ende verwandelt hatte.

Sarah konnte sich noch genau an das erste Mal erinnern, als Jane die Maus erwähnt hatte. Es war das erste Mal gewesen, dass die Ärzte Janes Morphiumdosis erhöht hatten. In dieser Nacht hatte sie nicht wieder nach Hause fahren können, denn sie hatte Jane und auch sich selbst geschworen, diesen Weg mit ihr gemeinsam zu gehen.

Erst war es eine Erleichterung. Zum ersten Mal seit Wochen hatte Jane leicht in den Schlaf gefunden. Ihre Hand in Sarahs und zusammengerollt wie ein Fötus im Mutterleib. Doch dann hatte das Morphium sein wahres Gesicht gezeigt und war vom sanften Helfer zum Vampir geworden, der zwar die Schmerzen linderte, aber sich dafür von der Lebenskraft seines Opfers nährte.

Janes Augenlieder hatten sich einen Spalt breit geöffnet, so, als wäre sie in Trance – der Mund schlaff wie der einer alten Frau. Sarah war bestürzt und geschockt gewesen, wie abstoßend Jane gewirkt hatte, wie ein drogensüchtiger Hinterweltler – und sie hatte sich für den Gedanken gehasst.

An Schlaf war nicht mehr zu denken und so hatte Sarah still neben dem Bett gesessen in dem ihre große Liebe langsam starb und hatte still vor sich hingeweint.

Etwa eine Stunde stummen Wartens später hatte Jane auf einmal angefangen zu sprechen – nur war es nicht ihre Stimme. Statt der kehlig-rauchigen Stimme, in die sich in letzter Zeit mehr als ein Hauch Erschöpfung geschlichen hatte, hörte Sarah eine Kinderstimme.

„Mama? Die Maus war wieder da.“

Sarah ergriff Janes Hand fester. „Jane, alles in Ordnung?“

Doch Jane schlief weiter. Nach ein paar Augenblicken war sich Sarah nicht mehr sicher, ob sie sich das Ganze nicht nur eingebildet hatte. Vielleicht war sie ja doch kurz eingenickt? Doch dann hörte sie wieder, wie das kleine Kind mit den Lippen ihrer todkranken Geliebten sprach.

„Mama? Die Maus hat gesagt, dass ich sie besuchen kommen soll.“

Kalter Schweiß brach auf Sarahs gesamten Körper aus. Ihre Fingerspitzen prickelten, als wären sie eingeschlafen. In ihrer Magengrube war ein Strudel, ein schwarzes Loch, das ihr Innerstes nach außen zu kehren drohte. Mit tauben Fingern fasste sie Jane bei den Schultern und schüttelte sie, doch die zeigte nicht mehr Reaktion auf ihre Bemühungen als eine Kleiderpuppe.

Wieder wurde Sarah Janes unweigerlich nahendes Ende bewusst – der Moment, in dem sie wirklich nur noch totes Gewicht in ihren Armen sein würde. Und ihre Angst Jane zu verlieren war mit einem Mal noch stärker. Sie umarmte sie, so fest sie konnte und versuchte die Kraft ihrer Liebe in sie hineinfließen zu lassen, wie ein Zauberer in einer kitschigen Fantasy-Geschichte – natürlich vergeblich.

Jane blieb unbeweglich, doch nun war ihr Mund direkt neben Sarahs Ohr als die Mädchenstimme sagte:

„Mama, sie hat gesagt es ist nicht weit. Darf ich sie besuchen gehen, darf ich?“

Sie wollte auffahren, aber jetzt hielt sie Jane plötzlich fest, so fest, dass sie sich nicht befreien konnte.

„Mama, die Maus hat gesagt ich soll bald zu ihr kommen, dann tut es nicht mehr weh.“

Diese Nacht war die Schlimmste gewesen, die Sarah je erlebt hatte. Danach hatte es nicht mehr lange gedauert. Sie hatte geweint, sie hatte versucht für Jane zu kämpfen und weiter geweint, doch jetzt hatte sie keine Tränen mehr übrig.

Nur das schwarze Loch in ihrem Inneren war ihr geblieben, dazu die kühle Scheibe an ihrer Stirn und der ständig wiederkehrende Schmerz wenn ihr Kopf an die Scheibe schlug – der einzige Hinweis darauf, dass sie wirklich noch lebte.

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