Pans Geschenk

Er hat die Hoffnung aufgegeben. Alles, was das Leben einst lebenswert erscheinen ließ, ist vergangen, wie der flüchtige Rauch der Zigarette in seiner Hand. Er führt den Filter zu seinen Lippen und inhaliert tief. Das beißende Gefühl – unangenehm und doch angenehm vertraut. Er saugt den Rauch tief in die Lunge und genießt die Vorstellung, dies könnte der Anfang seines Sterbens sein.

Es ist dunkel im Raum. Die Nacht strömt durch die geöffneten Fenster. Mit sich bringt sie die Geräusche der Großstadt, die Straßenbahnen und Busse, trunkene Menschen, die Taumelnd ihre zerbrechliche Unsterblichkeit feiern. All dies wird zu einem weißen Rauschen, das ihn umspült und ihn betäubt.

Oft stellt er sich dann vor, wie es wäre nicht mehr da zu sein – einfach zu verschwinden und aufzugehen in einem großen Nichts. Oder was, wenn da etwas wäre? Eine Präsenz die ihn willkommen hieße. Doch tief in sich weiß er, dass er nur Staub ist und dass nur Staub auf ihn wartet.

Er blickt auf das Regal voller Bücher. Manchmal steht er aus dem Sessel auf und streicht mit den Fingern über die Buchrücken, folgt den Knicken und Scharten in jedem Einband nach, wie Wegen auf einer Karte.

Er denkt zurück an die Zeit als dies sein Leben war. Das Regal, der Weltenhort, wo jeder Einband neue Wunder barg, neues Leben und neue Gefahr. Wie wundervoll war es, sich in diesen Welten zu verlieren, einzutauchen bis auf den Grund.

Aus seinem Inneren steigen Erinnerungen auf, wie Luftblasen in schwarzem Wasser. Er spürt Aslans weiches Fell an seiner Wange, spürt das vertraute Gewicht von Exkalibur an seinem Gürtel und die freundschaftliche Präsenz von Sam an seiner Seite. Er denkt an die Erleichterung, als die Hexe brannte und als die Räuber unter Drudengeschrei Frieden schlossen.

Für einen kurzen Moment regt sich sein Herz, doch der flüchtige Moment zerfällt wie eine Chimäre aus Staub und Schatten. Zurück bleibt die Leere und der nagende Hunger, nach irgendetwas und eine klebrige Traurigkeit, wie Teer in seinem Inneren.

Die Minuten schneiden ihm in die Seele. Der Zeiger ist ein Messer, das ihn ihm wühlt und nichts findet außer Teer und Staub.

Ein Geräusch lässt ihn aufhorchen. Ein Kratzen, ganz sacht. Er blickt zum Fenster und schaut in ein Gesicht. Das faltenlose Gesicht eines Jungen begegnet seinem Blick. Seine Miene ist ausdruckslos, fast wie die einer Statue und doch sind seine Augen wach – wach und alt. Alte Augen in einem jungen Gesicht.

Sie blicken sich an ohne etwas zu sagen. Sie erkennen einander.

Der Fremde steigt ins Zimmer und steht einfach nur da. Er breitet die Arme aus und empfängt den Verlorenen in einer Umarmung so sanft wie ein Windhauch. Der Verlorene weint, doch seine Wangen bleiben trocken. Er weint und weint, bis er endgültig leer ist. Und mit der Leere kommt Verstehen.

Er küsst die Hände des Fremden und erinnert sich in diesem Moment an einen Satz, den er einst in kalten Mauern hörte:

„Und sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

Der Fremde fasst den Kopf des Knienden und zieht ihn zu sich. Leise flüstert er ein Wort. Der Verlorene nickt. Der Fremde lächelt und auch seine alten Augen lächeln – ein Kuss von tausend Sonnen.

Der Dolch trifft den Verlorenen unter dem Herzen. Es schmerzt kaum. Er kann spüren wie klebrige Nässe an ihm herunterrinnt – jedoch nicht warm, sondern kalt. Und dann ist da nichts mehr.

Als er die Augen aufschlägt ist er allein. Doch da ist etwas in ihm – ein Drang, eine Sehnsucht. Er steht auf und setzt sich an den Tisch neben dem Bücherregal. Seine Hände finden einen Federkiel. Mit ruhiger Hand presst er die Spitze in die Wunde an seiner Brust. Als er sie vor sich hält, glänzt ihre Spitze schwarz.

Der Verlorene lässt den Kiel über das Papier wandern und beginnt damit, sich zu finden.

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