Werden

Manchmal, wenn es zu warm war und selbst eiskaltes Wasser nicht mehr gegen dieses klebrige Gefühl im ganzen Körper half, gingen wir gemeinsam durch die Straßen. Wir redeten nicht darüber, wohin wir gingen, doch unsere Füße verstanden einander. Gemeinsam brachten sie uns an den Ort, an den wir nie bewusst zu denken schienen.

Das alte Haus am Stadtrand war immer da, aber wir vergaßen oft, dass es da war. Seine Präsenz wurde durchsichtig, doch wir ahnten sie dennoch – ganz tief in uns, wie einen sanften Atem in unserem Nacken.

An diesen warmen Tagen, an denen unsere Hemden am Körper klebten und die Luft so feucht war, dass wir warmes Wasser zu atmen schienen – an diesen Tagen war es da. Langsam, ganz langsam trat es aus dem Schatten unserer Gedanken ins Licht und wir bemerkten es erst, als wir bereits davor standen.

Seine blinden Glasaugen starrten uns entgegen und ganz ohne unser Zutun fanden sich unsere Hände, klebrig wie der Rest unserer Körper, doch plötzlich kalt. Gemeinsam gingen wir auf den milchig-weißen Blick zu und die Tür gab unseren tastenden Fingern nach, als hätte sie unsere Berührung erwartet.

Staub tanzte in Sonnenlanzen, die durch die Halbschatten stachen. Auf unseren Zungen schmeckten wir trockene Wärme, Schimmel, Trauer und Sehnsucht. Der Geschmack berauschte uns und ließ uns gleichzeitig schaudern. Die Köpfe leicht, die Sicht getrübt gingen wir weiter hinein, denn das war es was wir tun mussten.

Schon längst waren wir nicht mehr Herr unserer Selbst. Die Kraft, die uns hierher geleitet hatte, die uns schon oft gerufen hatte und noch oft rufen sollte, sie knüpfte unsere Glieder an unsichtbare Fäden und führte uns unserer Bestimmung zu. Nicht ein äußerer Wille, sondern ein Drang, mit rostigen Nägeln in unserer Seelen gekratzt.

Die Kellertreppe knarzte unter unseren Schritten und wir nahmen Abschied vom Licht. Hier in der Dunkelheit legten wir unsere Masken ab und breiteten die zu eng gewordene Haut unter uns aus – eine weiche Decke unter unseren zitternden Gliedern. Wir sahen einander nicht in die Augen, aber wir hielten uns eng umschlungen.

Das Dunkel war Werden. Stück um Stück, Sommer um Sommer wurden wir. Zwischen Schimmel, Trauer und Sehnsucht wurden wir.

Als ich heute erwachte, spürte ich den ersten Riss – dort hinter meinem rechten Ohr – und ich fühlte, wie sich etwas in mir regte. Als ich vor dir stand sah ich mein Schicksal im Spiegel deiner Augen hinter deinen Augen.

Zum ersten Mal wagte ich dich zu küssen und deine Lippen empfingen mich wie ich es mir immer erträumt hatte.

Wieder lagen unsere Hände ineinander.

Unsere Zeit ist nun nah. Wir werden nicht mehr werden, wir werden sein.

Wir werden unsere Hüllen unter uns zurücklassen und gemeinsam zwischen den Sternen tanzen.

Endlich wir selbst.

Endlich frei.

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