Herzvogel (Auszug)

Herzvogel:

Es war einmal ein Mann, der fiel in die Liebe wie in einen tiefen Abgrund. Eben noch hatte er festen Boden unter den Füßen gespürt und plötzlich war da nichts mehr, was ihn hielt. Unaufhaltsam stürzte er diesem Gefühl entgegen, unfähig seinen Fall zu bremsen. Er fiel lange und er fiel tief  – und dann schlug er auf und zerbrach in tausend Scherben. Die Liebe aber war so weit entfernt, dass er ihre Wärme nicht einmal mehr erahnen konnte.

Und während er da stand und seine Seele nichts mehr war, als ein innerer Abgrund voller Splitter, die er nicht mehr zusammen zu setzen vermochte, da spürte er ein Flattern in sich. Und auf einmal tat sich seine Brust auf und ein kleiner Vogel flog daraus hervor, kaum größer als ein Sperling. Der Vogel war grau und seltsam blass, doch der Mann sah ihn nur kurz, ehe er davon flog und in die Wolken entschwand.

Der Mann aber blieb zurück mit einem Loch in der Brust, voller Splitter und Nichts, doch er starb nicht. Trotz der Leere in sich lebte er – und er ging nach Hause und schlief.

Als er erwachte, war das Loch noch immer da, aber kein Schmerz – nur die Leere. Der Mann setzte sich an den Tisch, um zu essen, aber alle Speisen waren Staub in seinem Mund. Er ging aus dem Haus und versuchte zu arbeiten, doch seine Hände hatten ihr Gefühl verloren. Er ging in den Tempel, um zu beten, aber seine Ohren waren taub geworden für die Stimmen der Götter.

Also wanderte er ziellos durch die Straßen, bis es Abend wurde. Wind kam auf und wehte kalt in ihn hinein. Und als es in seinem Inneren immer kälter und kälter wurde, machte er sich auf den Weg zurück nach Hause.

Lang war dieser Weg und dunkel, denn er war weit gelaufen. Schatten lagen in den Gassen und Häuserecken wie dicke schwarze Katzen, trunken von Mondmilch.

Der leere Mann schritt dahin und auch die Welt schien sich leer gemacht zu haben. Doch dann gewahrte er auf seinem Weg eine Gestalt. Je näher er kam, desto größer wurde die Gestalt, bis sie schließlich vor ihm aufragte.

Es war ein großer Mann, fast ein Riese, mit wildem Bart und funkelnden Kohleaugen. Er war ganz in Schwarz gekleidet und an seinen riesigen Händen funkelten silberne Ringe.

 

Fortgesetzt wird das Ganze im Buch „Das Licht hinter den Sternen“.

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s