Entfremdung

Entfremdung

Er liegt im Bett und starrt an die Decke. Das Kissen neben ihm riecht noch nach ihr – Herbstlaub und Seife und Nähe. Es ist still. Im Halbdunkel des Zimmers werden die Schatten länger. Die halboffenen Vorhänge schwingen sacht im Wind.

Es erinnert ihn an ihr Kleid, wie es um ihre Beine schwingt – an die sanften Linien ihrer Fesseln.

Die Erinnerung tut weh – nicht schneidend wie ein Messer, eher wie ein Pflaster, das unsichere Finger langsam abziehen.

Verzweiflung steigt in ihm auf wie Übelkeit und lässt seine Kehle brennen. Er greift neben sich nach der Zigarettenschachtel. Er raucht.

Der Rauch ist bitter, aber nicht so bitter wie die Verzweiflung. Dann kommt die Wut über die eigene Schwäche, die Unfähigkeit zu ertragen und zu vergessen.

Er starrt weiter an die Decke, raucht mechanisch. Gedanken türmen sich in seinem Inneren auf wie gewaltige Schutthalden. Verheerte Kriegsgebiete aus Wünschen und „was wäre wenn“.

Noch immer prickeln seine Fingerspitzen von einer Berührung, die schon jetzt wie ein Traum erscheint. Er will das Gefühl festhalten und merkt bereits, wie ihm die Erinnerung entgleitet.

Er streckt sich dem Vergessen entgegen, umarmt es, denn es bedeutet Linderung. Doch es fühlt sich an wie Verrat. Was, wenn nicht dieses Gefühl sollte Bestand haben.

Schmerz bedeutet Schönheit, das hat er immer geglaubt und es stimmt. In diesem Moment ist sie so schön für ihn wie noch nie. Doch er sehnt sich nicht nach Schönheit. Sein Sehnen ist einfacher, tierischer, armseliger – ein warmer Körper neben seinem, eine Berührung und das Gefühl willkommen zu sein.

Er verflucht die Bücher, die in ihm Träume von Liebe und Erfüllung gesät haben. Und er verflucht seine eigene schwache Seele, die auf dieses Ideal zugeflogen ist wie eine Motte auf die tödlich lockende Flamme.

Jetzt spürt er diese Flamme und er möchte in ihr vergehen, doch er weiß, morgen wird der Schmerz etwas weniger stark sein und übermorgen wieder – und wieder und wieder, bis nur noch eine schmerzliche Erinnerung bleibt, ein grauer Schatten des Monsters, das jetzt in ihm tobt.

Er hält den Rauch der Zigarette tief in der Lunge fest und lässt ihn dann mit einem Keuchen entweichen. Ein Teil des Gefühls wabert mit dem Rauch zur Zimmerdecke.

Dann lächelt er. Es ist ein sanftes Lächeln, warm und liebevoll. Denn er versteht plötzlich. Genau das heißt es Mensch zu sein: Mit jedem Atemzug nach den Sternen zu greifen und den Schmerz einzuladen – zu scheitern und zu vergehen.

Er drückt die Zigarette aus und schließt die Augen. Der kühle Luftzug vom Fenster her streift sein Gesicht, auf dem noch immer das sanfte Lächeln liegt.

Der Schlaf kommt und mit dem Schlaf senkt sich die Erkenntnis über ihn wie eine wärmende Decke. Er schläft ein mit dem Wissen, dass er alles noch einmal genau so tun würde.

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