Hunger

Hunger

Es beginnt, als das letzte Brot zur Neige geht. Die Mutter teilt die letzten Stücke zu. Das Messer lässt das Brot seltsam klein erscheinen.

Sie essen langsam, kauen jeden Bissen und versuchen jeden Mund voll Brot ein Jahrhundert dauern zu lassen. Sie essen bei Sonnenuntergang am kleinen Tisch in der Küche im flackernden Kerzenschein. Sie essen und sie haben Angst.

Die Kinder tun es ihren Eltern gleich, ohne dass diese etwas sagen müssen. Sie spüren, was da um ihre Hütte streicht und warten auf das erste Kratzen des wilden Tieres an ihrer Tür. Die Bestie ist nah und sie bringt das Ende, das wissen sie – denn dieses Wissen ist ihnen unter die Haut gebrannt in glühenden Zeichen.

Erst spät bemerken Sie, dass die Mutter nichts isst. Ihre Augen werden groß und ihre Wangen hohl, wie die einer alten Frau. Ihre Haare fangen an, strähnig zu werden und auch der Vater wird fahler, dünner, durchscheinender.

Als das letzte Brot gegessen ist beten sie. Sie sitzen am Esstisch, der nun kein Esstisch mehr ist. An diesem verlassenen Nichtort senken sie die Köpfe und fassen sich an den Händen.

Ihre Gebete sind ein Wispern, Buchstaben und Worte, die sich überschlagen, ineinanderfließen, sich zu einem Strom vereinen, zu einem Meer aus Worten, die doch nur Formen und Abwandlungen sind von einer einzigen Bitte: Hilf uns!

Das Gebet steigt zur Zimmerdecke empor und weht nach draußen. Hier steigt es auf mit den Herbstnebeln – und steigt und steigt, bis es schließlich in der Höhe zwischen den Planeten verhallt. Dort in der ewigen Kälte ist niemand, der zuhört und die Sterne schweigen.

Am Fenster meinen sie ein Klacken zu hören, spitze Krallen, die Einlass begehren. Und in der Nacht knarrt die Tür und die Bestie ist unter ihnen.

Sie liegen im Bett und hören die tapsenden Schritte, riechen den Geruch von Verderbnis und animalischer Gier – wie Moschus und Fäulnis. Sie wagen nicht zu schlafen, doch irgendwann fallen ihnen die Augen zu und die Bestie knurrt zufrieden.

Die Tage vergehen und die Bestie schleicht noch immer durchs Haus. Sie kommt näher und immer näher und dann spüren sie ihren Atem im Gesicht. Die Kinder wimmern vor Angst und die Eltern nehmen sie in den Arm, aber sie wissen, dass sie sie nicht vor der Bestie schützen können. Die Bestie hat die Hoffnung verzehrt und bald wird sie sie verschlingen.

Sie weinen des Nachts, wenn die Kinder schlafen – tränenrote Augen wie riesige Glühlampen in zu kleinen Fassungen. Sie verzweifeln, wütend, flehen, doch die Bestie kennt kein Erbarmen.

Und dann kommt der Tag, als das Untier langsam in sie kriecht. Es wird zu einer Schattenwolke und dann spüren sie es tief in ihrem Inneren, das ölige Fell und die spitzen Klauen – es wütet und faucht und nagt in ihnen.

Doch mit dem Tier in sich ist ihre Angst dahin. Es tobt in ihnen wie von Sinnen, aber die Schmerzen vergehen nach und nach. Sie sind das Gefängnis der Bestie geworden.

Alles wird plötzlich so leicht und durch sie hindurch leuchtet etwas und es ist warm. Sie lächeln und küssen einander voll Freude. Sie liegen im Bett beieinander und die Bestie schweigt. Da sind nur noch diese Wärme und die Leichtigkeit und das Zusammensein.

Sie fassen sich an den Händen, wie einst zum Gebet, doch jetzt ist es, um eins zu sein, um eins zu bleiben. Gemeinsam atmen sie tief ein und sie werden so leicht, dass sie aufsteigen, immer weiter auf, so weit wie ihre Gebete. Doch es ist nicht länger kalt in der dunklen Unendlichkeit, denn da ist etwas hinter den Sternen, das wärmer ist als die Sonne selbst – und sie fühlen, wie es langsam näher kommt.

Ihre Hände lassen los, nicht aus Achtlosigkeit, sondern weil sie wissen, dass sie sich nicht verlieren können, denn bald werden sie eins sein – miteinander und mit der Wärme hinter den Sternen.

Und weit weit unter ihnen heult die Bestie ihre Wut in den Herbstnebelhimmel und schleicht dann in die Nacht hinaus.

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