Götter im Park

Immer wenn ich in den Park gehe, um mein Mittagssandwich zu essen, setze ich mich auf die Bank unter der alten Weide. Dort ist es so schön schattig und wenn ich den letzten Bissen gegessen habe, genieße ich dieses warme satte Gefühl im Bauch. Ich rutsche dann auf den verwitterten Holzbohlen unter mir ganz nach vorn und bette meinen Kopf an die Lehne.

Dann blicke ich nach oben in die Krone des Baumes und schaue den Blättern zu, wie sie im Wind leise flattern. Im gedämpften Sonnenlicht sieht es dann aus, als würden sie ganz sacht flimmern.

Manchmal tanzt ein Eichhörnchen in diesem Flimmern und huscht dicht über meinem Kopf durch die Zweige. Ich sehe dem fröhlich raschelnden Schauspiel zu und ein breites Lächeln zieht über mein Gesicht, wie eine kleine aufgehende Sonne.

Irgendwann fallen mir die Augen zu und ich schlafe ganz leicht ein und lasse den Wind mit sanften Fingern in meinem Haar wühlen.Dieser Schlaf ist so sacht, dass meine Träume wie dünner Nebel um mich herum aufsteigen und mit dem Wind um die Wette wehen.

Ich träume hier ganz besondere Träume. Da sind Schiffe und riesige Schlangen, breite Männer mit wallenden Bärten, Riesen und Trolle. Hinter der Weide, in deren Schatten ich schlummere, steht eine riesige Traumesche, die eine ganze Welt ist.

Ich glaube diese Träume haben vor allem mit dem alten Mann zu tun. Er sitzt immer am Eingang des Parks auf der Mauer und schaut auf die Welt, als hätte sie einmal ihm gehört.

Eines seiner Augen ist milchig weiß, das andere von stechendem Blau. Seine weißen buschigen Brauen hängen ihm in diese Augen wie die Zweige der Weide zu Boden hängen. Seine weißen Haare sind lang und struppig, wie die eines streunenden Hundes, aber er ist groß und breit und knorrig wie der Traumbaum.

Wenn ich nicht schlafen kann, beobachte ich ihn gern ein wenig. Normalerweise kümmert er sich nicht um mich, als sei ich nur ein unbedeutendes Staubkorn auf der Fensterbank seines Lebens. Meist sitzt er einfach da und starrt mit seinem blauen Auge grimmig in die Welt.

Irgendwann greift er dann in die Tasche seiner alten Regenjacke und holt eine Handvoll Brot heraus. Damit beginnt er die Raben zu füttern und brummt ihnen etwas zu. Zwei der größten Raben krächzen sogar Antworten.

Vor kurzem habe ich es jedoch ein wenig mit der Angst bekommen. Ein Wolfshund streunte durch den Park und der Alte Mann sprang plötzlich auf und schrie nach einem Schwert. Dann fuchtelte er wild mit den Armen und fluchte. Der Hund rümpfte nur die Nase und verschwand.

Am nächsten Tag saß der Alte Mann wieder an seinem Platz und fütterte die Raben. Auch das Eichhörnchen war seinen Brotkrumen nicht abgeneigt. Doch dann fing er auf einmal an, leise zu weinen.

Ich fasste mir ein Herz und fragte ihn nach seinem Kummer. Erst nach einer Weile schien er mich zu bemerken und ich musste meine Frage wiederholen. Sein blaues Auge fixierte mich, als sähe er mich zum ersten Mal. Mit Tränen im weißen Bart sah er mich an und flüsterte:

„Ihr vergesst uns und wenn der Wolf naht, wird euch keiner helfen können.“

Dann wandte er seinen Blick ab und streute wieder Brotkrumen auf den Boden.

Gestern haben ihn ein paar Männer der Stadt abgeholt und seitdem ist er verschwunden. Mit ihm scheinen die beiden großen Raben und das Eichhörnchen gegangen zu sein – und auch meine Nebelträume. Der arme Alte. Ich hoffe sie haben ihm ein schönes Zuhause besorgt und er kann dort weiter die Raben füttern.

Eines aber ist in der hintersten Ecke meiner Gedanken haften geblieben. Ich weiß nicht, was der Alte mit seinem verrückten Gebrabbel gemeint hat, aber irgendwas ist anders. Wann immer ich jetzt die Sonne hoch am Himmel sehe, halte ich schaudernd nach einem Schatten Ausschau – einem großen dunklen, hungrigen Schatten. Und dann habe ich Angst. Ich sitze auf der Bank und zittere.

Meine Hände streuen Brot auf den Boden. Die verbliebenen Raben hüpfen näher. Stechende Augen schauen mich fragend an. Ich raune ihnen etwas zu, aber ich weiß nicht was ich sage. Sie nehmen meine Worte auf und tragen sie mit dem Wind davon.

Ein Schatten legt sich über den Park und ich nehme eine Glasscherbe. Ein Schnitt und Blut fließt. Hastig malen meine Hände Zeichen auf die Borke der Weide – ein Blutopfer. Und ich hoffe es ist noch nicht zu spät.

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