Vergeblich

Die Tauben fliegen auf, als würden sie einem lautlosen Kommando folgen – eine graue Woge aus kleinen flatternden Körpern, majestätisch und bedrohlich zugleich. Und plötzlich ist es wieder da, dieses Gefühl lauernden Unheils.

Die Taubenwolke steigt weiter und weiter und wird irgendwann eins mit dem Grau des Himmels. Ich hole tief Luft, um die Hand zu lockern, die begonnen hat, sich in meine Eingeweide zu krallen. Doch auch die kühle Novemberluft schmeckte grau und seltsam schal.

Inspiration wird zu Ekel.

Ich erhebe mich, plötzlich nicht mehr in der Lage zu sitzen, und gehe auf den Ausgang des Parks zu. Als ich das Tor passiere, prasseln die Geräusche der Großstadt auf mich ein. Ich zucke zusammen, wie unter unsichtbaren Hieben, obwohl ich dieses Lautgewirr sonst liebe und mich darauf treiben lasse.

Ich weiß, was dieses Gefühl in mir auslöst: Dieses Uneinssein mit der Welt – und ich traue mich nicht, es vor mir selbst zuzugeben. Die Erklärung ist so einfach, so naheliegend, so erbärmlich. Doch das ist eben die Natur von Gefühlen: Sie zertrümmern den Panzer aus Selbstbeherrschung und Intellekt, in den wir uns hüllen – und sie lachen uns dabei aus.

***

Wir sitzen uns gegenüber – Kaffeetassen vor uns, Zigaretten in den Händen. Der Kaffee ist kalt geworden, unendlich süß und unendlich bitter. Der Rauch schmeckt genauso grau wie die Novemberluft.

Wir rauchen und starren ins Leere.

Wir sehen uns nicht in die Augen. Stattdessen sehen wir den Menschen um uns zu und fühlen uns, als wären wir in einer Blase, in der die Welt stillsteht – in einem Vakuum aus kaltem Rauch und süßer Bitternis. Unsere Worte hängen in einer Luft, die gar nicht da ist.

Du weißt, was ich sagen will. Und ich weiß was du sagen willst. Aber die herumhängenden Worte ergeben keinen Sinn. Wir können sie nicht entziffern, obwohl sie uns aus der Seele sprechen.

Aber wir brauchen die konkreten Worte, denn Worte sind Werkzeuge und wir brauchen Werkzeuge, um uns zu befreien. Schließlich nimmst du alle Worte die da sind und schlägst darauf ein und zerrst und rüttelst, bis sie zu einem Schrei werden – laut und kläglich.

Und dann gehst du und ich lasse dich gehen.

***

Ich sitze auf dem Balkon und starre in die Nacht hinaus. Die Luft ist kühl, aber noch angenehm, so wie warmes Badewasser, in dem man schon zu lange gelegen hat. Sie schmeckt nicht mehr grau, sie ist geschmacklos geworden.

Ich kann die Hitze der Zigarette in meiner Hand spüren, diesen winzigen Glutpunkt, der den Blick anzieht wie das Licht eine Motte. Doch auch dieses Gefühl geht vorbei.

Hier in der Dunkelheit mit der Decke auf den Knien und der Zigarette in der Hand fühle ich nichts mehr. Ich bin nicht traurig, nicht froh, ich bin einfach. Es war ein weiter Weg und ich habe mir das Leben mit dir von der Haut geschält. Das, was abgefallen ist, habe ich zurückgelassen – irgendwo und irgendwann.

Und jetzt bin ich ganz bei mir angekommen.

Ich könnte ewig so sitzen und einfach nur in diesem Augenblick sein, in diesen kleinen Momenten, die die Nacht durchstreifen wie einsame Wölfe.

Ich sehe Nachtfalter aufsteigen und sich im Netz einer Spinne verfangen, doch diese Tragik verliert sich in biologischer Notwendigkeit. Manchmal durchbricht ein Geräusch die Stille und lässt in meinem Inneren ein Bild entstehen.

Eine Frau schreit und ich denke an drohend kalte Augen und einen Körper, der sich schutzsuchend in eine Ecke drängt. Etwas poltert dumpf und ich sehe vor mir ein Heer von Ratten, das aus einem Gully sprudelt wie schwarzes Wasser – bereit die Welt zu ertränken. Doch die Bilder sind fern, nicht mehr Teil meiner selbst.

Dann – immer zur vollen Stunde – donnert ein Zug die naheliegenden Gleise entlang und zerreißt den Ruheschleier der Nacht. Ein Röhren und Rumoren und Rattern – gleißend helle Fenster wie hunderte Geisteraugen, die tot ins Leere blicken. Doch auch der Zug gehört zu dieser Nacht, zu ihrem sanften Rhythmus, der mich so leer werden lässt.

Jetzt ist es still hier draußen und es ist still in mir.

Ich kann es spüren wie Gedanke um Gedanke aus mir herausrinnt – ein gebrochenes Stundenglas. Langsam, fast unmerklich, steuere ich auf ein Zentrum zu, an dem ich mir wahres Glück erhoffe, an dem aber auch blankes Entsetzen lauern kann – die metaphysische Version von Schroedingers Box. Erfüllung und Entsetzen sind für eine kleine Ewigkeit eins in der Leere.

Und dann hebt sich der Deckel und ich schmecke kalten süßen Kaffee und bin verloren.

 

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