Fremde Seelen

Der Vorhang fällt und Dunkel umspült die Bühne. Die Stimmen der Zuschauer sind gedämpft – ein weißes Rauschen brandend, gefangen zwischen Ebbe und Flut.

Erst jetzt bemerkt er, dass er die Luft schon minutenlang in der Lunge hält. Mit einem Zischen lässt er sie entweichen und fühlt, wie seinen Körper die letzten Kräfte verlassen.

Das Blut auf seiner Brust ist schon halb getrocknet. Die Haut spannt und beginnt zu jucken. Die Krone ist schwer und drückt an seinen Schläfen.

Er schließt die Augen und nimmt alles in sich auf: das dumpfe Stimmenrauschen, die stickige Wärme, das Gewicht der Krone, den Geruch nach Schweiß, Bohnerwachs und künstlichem Nebel. Dieser Moment gehört ihm und er verschließt ihn tief in seinem Herzen.

Der Moment geht zu Ende und nun kommt die Müdigkeit. Seine Schultern senken sich und der Kopf neigt sich erschöpft. Innerhalb weniger Augenblicke scheint er zu schrumpfen. Er wird kleiner, blasser – ja fast durchsichtig.

Mit unsicheren, schlurfenden Schritten verlässt er die Bühne, den Blick gesenkt, um niemandem in die Augen schauen zu müssen. Auf seinem Weg sieht er keine Menschen. Er sieht Stiefelpaare, Pumps und Sandalen. Er sieht eine tote Kakerlake, die halb unter einem Kaugummipapier hervorlugt – ein neongelbes Leichentuch.

Die Hand die nach der Garderobentür fasst, zittert und ist schweißnass. Als die Tür ins Schloss fällt, lehnt er sich dagegen und lässt wieder die Luft zischend aus den Lungen entweichen.

Die Maske zu entfernen dauert lange. Nach und nach verschwinden die hohen Wangenknochen und die tief eingegrabenen Falten. Die Denkerstirn ebnet sich ein und die aristokratische Nase schrumpft. Was bleibt, ist so unscheinbar, dass es wehtut.

Doch das ist nur die Oberfläche. Nun greifen die Hände ins Innere und verstauen Heldenmut und Opferbereitschaft in großen Einmachgläsern. Wut und Zorn verschwinden ebenso wie Liebe und Zärtlichkeit.

Dann sitzt er vor dem Spiegel. Sein Bildnis auf der matten Silberscheibe ist seltsam unscharf, denn er ist nun tatsächlich durchsichtig geworden – ein leerer Kelch aus Kristall, der seine Farbe vom Wein erhält.

Er stemmt sich in die Höhe und geht nach Hause. Niemand grüßt ihn auf seinem Weg, denn seine Gestalt scheint dem Blick auszuweichen. Manchmal reißt der Wind an ihm und er hat das Gefühl, dass nicht viel fehlt und er würde mitgerissen, um sich in der unendlichen grauen Höhe zu verlieren.

Zuhause legt er sich auf sein Bett, ohne sich auszuziehen oder das Licht anzuschalten. Im fahlen Mondlicht starrt er an die Decke. Gedanken und Gefühle steigen in ihm auf, aber es sind nicht seine eigenen. Er lebt die Leben der Anderen, er fühlt ihren Schmerz und ihre Liebe. Er leidet und tobt und stirbt, doch es ist nicht sein Tod.

Vor seinem inneren Auge sieht er die jubelnden Massen, er sieht die verzückten Gesichter der Frauen und die Blicke voll Bewunderung und Hingabe, doch nichts regt sich in ihm.

Erschöpfung, Leere und Kälte sind alles, was bleibt.

Dann kommt der Moment, in dem er ganz leer geworden ist. Eine einzelne Träne rinnt aus seinem Augenwinkel und tropft langsam auf das gelbe Linoleum. Und obwohl niemand es weiß, ist diese Träne eine ganze Welt, denn hinter den fremden Leben in ihm, hinter den tosenden Gefühlen von Seelen aus Papier ist eine Stimme, die gegen den fremden Sturm anschreit und zum ersten Mal, hört er ihr zu.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s