Hinter dem Vorhang (Auszug)

Der Platz erschien ihm seltsam leer und leblos – ein dunkler Nichtort an diesem grauen Oktobertag. Der Kaffee neben ihm war schon lange kalt geworden. Der weiße Block blieb weiter jungfräulich, während er gedankenverloren mit der Mine seines Kugelschreibers klickte. Das metallene Geräusch hallte ebenso kalt in ihm wider wie der Kaffee.

Je länger er dort saß und durch die Scheibe des Cafés auf den Platz unten schaute, desto mehr sank sein Geist in eine Tiefe herab, in denen seine Gedanken durch teerartig trübes Wasser zu schwimmen schienen. Geräusche drangen schließlich nur noch dumpf an sein Ohr, bis er ihren Ursprung nicht mehr erahnen konnte. Doch so fern seine waches Selbst in seinen eigenen Untiefen verloren war, so klar und deutlich nahm er jedes noch so kleine Detail in sich auf. Die Realität entglitt ihm mehr und mehr und sein Blick fing an zu wandern.

Neben einer Bank vor einem Geschäft lag ein zusammengeknülltes Stück Papier. Das Sandwich, das es einmal umschlossen hatte, war verschwunden. Nur noch ein klebriger Rest Käse und ein wenig Ketchup blieben zurück.

Ein Stück weiter war das Pflaster geborsten. Durch den Spalt sprudelte Unkraut wie eine grüne Quelle hervor. Die Lasur der Bank war früher einmal ebenso grün gewesen, doch mittlerweile hatte sie die Farbe von vertrocknetem Moos. Die letzten Farbschichten hingen lose an dem Holz und gaben ihr das Aussehen einer sich häutenden Schlange.

An einer Fassade prangte ein Graffiti, das so verblasst war, dass es seine ursprüngliche Form schon lange verloren hatte. Der wandernde Blick verlor sich in Schluchten aus Weiß. Ein Wolf tauchte auf, wo unachtsame Blicke sonst achtlos vorbeiflossen und heulte einen Mond an, der niemals aufgehen würde.

Detail um Detail türmte sich im Weg des wandernden Blickes auf und führte ihn um hunderte von Biegungen hinein in ein unsichtbares Labyrinth in dessen Zentrum die Ungewissheit ihr Netz gesponnen hatte. Zeit verging, zerbrach, formte sich aus ihren Scherben neu, nur um wieder zu zerfallen. Anfang und Ende wurden eins und dann war es mit einem Mal einfach vorbei. Der Wanderer war heimgekehrt.

Er schaute auf. Die Sonne stand hoch am Himmel. Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass drei Stunden vergangen waren. Was war passiert? Er konnte sich nicht erinnern. Da waren Gedankenfetzen – Bilder von einer grünen Oase und einem Winterwolf. Doch als er seine geistigen Finger danach ausstrecken wollte, zerfaserten Formen und Farben und lösten sich auf. Er selbst blieb zurück mit dem Gefühl des Verlusts.

Er trank den letzten Rest des Kaffees in seiner Tasse. Das schwarze Gebräu schmeckte schal und bitter – wie unerfüllte Träume. Dann stand er auf und verzog seinen Mund schmerzerfüllt, als seine verkrampften Muskeln protestierten. Er steckte Stift und Papier in seine Tasche und verließ das Café unter dem vereinten Stirnrunzeln von drei Kellnern. Als er die Tür nach draußen aufstieß, konnte er deutlich ihre fragenden Blicke spüren, die sich in seine Rücken bohrten.

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