Hinter dem Vorhang (Auszug 2)

Es war ein anderer Tag. Wie viel Zeit war vergangen? Er wusste es nicht genau. Die Zigarette in seiner Hand war zur Hälfte geraucht. Seit wann rauchte er? Ihm gegenüber saß Conrad, die Arme wie Windmühlen drehend, rauchend, lächelnd – Dynamik inmitten einer Welt, die in Stillstand verharrte.

Sie saßen nebeneinander auf der Bank vor dem alten Bahndammhaus und schauten auf die Züge, die vorbeirasten. Kein Zug würde jemals wieder hier halten. Der kleine Bahnhof war schon seit Urzeiten stillgelegt. Etwas an diesem Bild hallte in seinem Inneren wider, doch ehe er dieser Spur ins Gedankendickicht folgen konnte, riss ihn Conrads Stimme aus seinen Gedanken.

„Du siehst schlechter aus!“

Die Stirn über der dicken Brille war gerunzelt.

„Was ist los mit dir?“

Er zuckte die Schultern und suchte nach Worten, von denen er wusste, dass sie nicht da waren.

„Ist es eine Frau?“

Ein prüfender Blick.

„Nein es ist keine Frau. Was ist es dann?“

Jetzt waren da Worte. Es waren nicht die richtigen Worte, aber sie waren da, bereit ausgesprochen zu werden.

„Alles OK. Ich schlafe nur schlecht, das ist alles.“

Condrad musterte ihn erneut mit gerunzelter Stirn. Dann jedoch veränderte sich sein Gesicht, als hätte ein Windhauch alle Affektiertheit daraus fortgeweht. Die Falten glätteten sich, das ironische Funkeln in den Augen verblasste und an seine Stelle trat eine Verletzlichkeit, die schmerzte.

„Rede mit mir! Bitte! Ich merke, wie du dich entfernst – nicht nur von mir, von allem. Es ist, als würdest du in dir an einen anderen Ort gehen und mich lässt du mit dem Autopiloten zurück. Wir reden, wie telefonieren, wie gehen aus und du tust alles wie immer, aber ich habe das Gefühl, du bist gar nicht da. Weißt du eigentlich, dass du mein einziger richtiger Freund bist? Ich kann nicht mit ansehen, wie du da bist und trotzdem immer mehr verschwindest. Du wirst langsam durchsichtig, jedes Mal, wenn ich dich sehe ein Stück mehr.“

Mit Bestürzung stellte er fest, dass Conrad Tränen in den Augen hatte. Er atmete tief ein und versuchte, nicht in dieses plötzlich so ernste, verletzliche Gesicht zu sehen. Es war nur ein schwaches Glitzern hinter den dicken Brillengläsern, doch für ihn war es ein Ozean, der gegen ihn brandete – und in den Mustern der weißen Gischt stand eine Frage geschrieben, die lodernd brannte.

„Bist du glücklich?“

Verwirrung breitete sich auf Conrads Gesicht aus.

„Wie meinst du das?“

Als sein Gegenüber nicht antwortete, steckte er sich die nächste Filterlose an, behielt den Rauch des ersten Zuges tief in den Lungen und ließ ihn dann langsam und zischend entweichen.

„Ich bin gesund und die Arbeit läuft. Nächsten Monat ist eine Gehaltserhöhung fällig. Die Kleine aus dem Buchladen, von der ich dir erzählt habe, geht morgen mit mir aus. Ich bin zufrieden.“

Etwas regte sich in ihm, eine wichtige Erkenntnis, doch er konnte sie nicht greifen, nur erahnen.

„Aber bist du glücklich?“

Conrad begann mit dem Knöchel auf dem Holz der Bank zu trommeln, wie immer, wenn ihn etwas frustrierte und Asche landete auf dem grünen Unkrautteppich unter ihnen.

„Was soll die Frage? Ja, natürlich bin ich glücklich.“

Wieder war die Stille zwischen ihnen und sein Gefühl des Uneinsseins mit der Welt. Er hörte das Gesagte und erkannte im gleichen Moment die Leere dahinter. Es war dieselbe Leere, wie sie in ihm brannte, doch er hatte nur ein paar Worte um sich etwas zu nähern, das unbeschreiblich zu sein schien. Er ließ jedes einzelne dieser Worte langsam zwischen sie sinken und hoffte auf ein Verständnis, das er selbst nicht in sich hatte.

„Aber tief in dir, bist du da wahrhaft glücklich?“

Conrad warf die Hände in einer kapitulierenden Geste in die Luft, stand auf und drückte seine Zigarette so wütend im Fensterrahmen hinter ihnen aus, als wolle er sie für immer vernichten. Er raffte seinen Mantel zusammen und drehte sich zum Gehen.

„Wenn du mir nicht sagen möchtest, was los mit dir ist, ist das gut. Aber mach dich nicht über mich lustig!“

Dann war sein Freund fort und er blieb allein mit dem schalen Rauch der Zigaretten und dem Anblick der vorbeirasenden Züge. Und in der verschwimmenden Bewegung entglitt ihm die Welt erneut und sein Blick begann wieder zu wandern.

Die Steine im Gleisbett waren einmal weiß gewesen, doch jetzt waren sie stumpf und grau so wie die Schienen selbst. Nur der obere Teil, auf denen die Züge vorbeiglitten, glänzte weiterhin silbrig – ein Glanz dessen Fundament langsam rostete.

Das alte Bahndammhaus hatte schon lange seine Fenster eingebüßt. Die leeren Fensteröffnungen waren hungrige Augen mit Wimpern aus gesplittertem Glas. Die Ziegel hatte der Regen ausgewaschen und in ein blassrotes Gebirge verwandelt – doch auf den Bergen des Mars gab es kein Leben.

Eine Pfütze schillerte in hunderten Regenbogenfarben. Die ölige Oberfläche spiegelte den Verfall ringsum. In der Ferne raste ein neuer Zug heran und die Oberfläche geriet in Schwingungen. Kreise formten sich in immer wieder neuen Anordnungen und Mustern in denen der Blick kreiste, bis der herannahende Zug ihn mit sich riss.

Es war ein alter Zug, so verrußt und verrostet wie die Gleise unter ihm. Die Frachtcontainer auf seinem Rücken wirkten wie stählerne Mausoleen gefallener Riesen. Die Räder ratterten in geschäftiger Ergebenheit weiter, als könnten weder die porösen Schienen, noch der eigene Rost sie jemals aufhalten.

Weiter und weiter wanderte sein Blick bis er schließlich den fernen Horizont erreichte. Dort ging er mit der Sonne unter und alle Zeit versank gemeinsam mit dem Blickenden in den Armen eines traumlosen Schlafs und für eine lange Zeit war da nichts mehr.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s