Neue Geschichte – der Anfang

Ich liege im Bett und befinde mich im zweiten Drittel meiner Einschlafphase. In etwa zehn Atemzügen wird sich mein Bewusstsein in den Ruhemodus versetzen, so wie ein Computer, der in den Stand-By-Modus herunterfährt. Meine Augen folgen den Mustern der Mondstrahlen auf der Wand gegenüber meines Bettes. Sanfte Kreise und immer gleiche Bewegungen. Muster sind wie ein sanftes Streicheln. Muster beruhigen. Jetzt kann der Schlaf kommen.

Von draußen höre ich meinen Vater schreiben. Das ist, wie er die Welt erträgt. Klack klack klack – ein Takt, in dem sich die Anspannung auflöst. Er schreibt abends, weil er weiß, dass es mir hilft. Ich würde ihm gern sagen, dass ich das weiß und dass ich ihn dafür liebe, aber so funktioniert es nicht. Doch manchmal gehe ich ganz nah an ihn heran, wenn er neben mir sitzt und lege meine Stirn gegen seinen Oberarm. Dann lächelt er, denn er versteht – er ist der einzige, der versteht. Er könnte zu jeder Tages- und Nachtzeit schreiben, vielleicht sogar besser, aber weil er versteht, schreibt er am Abend.

Ich weiß nicht, wie ich beschreiben soll, wie es ist, ich zu sein. Mein Vater sagt, ich wäre ein Labyrinth auf zwei Beinen. Man verläuft sich in mir – und oft verlaufe ich mich selbst. Muster helfen und Ruhe. Zahlen helfen und Worte, die auf Papier stehen. Daraus baue ich mir ein Boot auf dem ich durch den Tag segle.

Die Dinge, die ich tun muss, sind meine Passagiere. Je mehr da sind, desto tiefer liegt das Boot im Wasser, desto eher läuft es Gefahr zu sinken. Weil ich ein Labyrinth bin, kann hinter jeder Biegung ein neuer dicker Passagier lauern:

Zu lang in meine Augen schauen, ein Geruch der sich seltsam im Sonnenlicht bricht, reden müssen, der Hall der Geräusche ringsum, grüne Pflanzen und noch vieles, vieles, vieles mehr – das alles wiegt unendlich schwer.

Es gibt aber auch den großen Riesen, diese turmhohe Gestalt, dessen bloßes Auftauchen mein Boot auf hoher See kentern lässt. Der Riese ist der Wächter der Gefühle. Er hat mein Gesicht eingefroren, aber nicht nur mein Gesicht, auch meine Worte. So sehr ich auch kämpfe, ich kann das, was in mir ist nicht hervorholen. Liebe, Angst, Hass, Trauer, Ungeduld, selbst Langeweile sobald ich sagen will, wie es mir geht, schnürt er mir mit seinen Riesenpranken die Kehle zu. Durch die Maske aus Eis hört niemand meine Schreie.

Mein Vater weiß das und manchmal sehe ich, wie schwer es ihm fällt sein eigenes Lächeln auf seinem Gesicht festzuhalten. Dann lege ich wieder meine Stirn an seine Schulter und dann wird das Lächeln heller bis es richtig strahlt.

Jetzt hat mein Körper in den Stand-By-Modus geschaltet. Noch bekomme ich alles mit, denn mein Gehirn braucht länger, bis es zur Ruhe kommt. Mein Herzschlag ist jetzt langsam, mein Atem flach. Alles ist normal. Doch dann ist da ein Rumpeln und dann stoppt das Klack Klack Klack der Schreibmaschine.

Sofort bin ich hellwach. Warum hat er aufgehört? Sonst schreibt er mindestens zwei Stunden am Stück bevor er auf die Toilette muss. Dann schaut er immer nach mir und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Jetzt aber herrscht Stille – Totenstille.

Ich stehe auf und steige aus dem Bett. Zuerst mache ich alles wieder ordentlich, damit ich leichter atmen kann. Dann gehe ich leise den Flur entlang zum Arbeitszimmer. Licht scheint unter der Tür hindurch. Ich drücke die Klinke und nehme alles auf einmal in mich auf. Es ist so ähnlich wie einatmen. Ich atme das Zimmer ein und weiß, dass mein Vater entführt wurde.

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