Erwachen (Arbeitstitel)

Ich öffne die Augen und habe Angst, dass ich erblindet bin. Um mich herrscht undurchdringliches Dunkel. Es ist diese Art von Dunkel, bei der man jedes Gefühl von Körperlichkeit verliert. Dazu kommt der dumpfe Nebel in mir, der meine anderen Sinne betäubt. In Dunkelheit und Watte gepackt, bin ich mir das erste Mal in meinem Leben nicht sicher, dass ich tatsächlich am Leben bin. Ich bin nur ein Bewusstsein, das im leeren Raum schwebt, passiv und ohne Verbindung zu dem, was bis vor Kurzem meine Wirklichkeit war.

Plötzlich weiß ich, dass ich lebe, denn Schmerz explodiert in meinem Schädel – heiß und stechend. Gleichzeitig wird Schwarz zu Weiß: Alles wird zu Nichts. Ich schreie – der kehlige Laut eines gepeinigten Tieres. Alle Vernunft und jeder selbstgerechte Humanismus werden fortgeschwemmt von dem Drang, mich zu verkriechen, dem Schmerz zu entfliehen. Als der Schmerz irgendwann nachlässt, werden im Weiß Schemen sichtbar und Augenblicke später kann ich meine Umgebung wahrnehmen.

Ich finde mich zusammengekauert am Ende eines Bettes wieder: eine einfache Matratze auf einem Metallgestell, keine Decke, kein Kissen, kein Laken. Das Bett steht in einem winzigen Raum. Jeder Zentimeter ist von mintgrünen Fliesen bedeckt, deren glatte Oberflächen meine Gestalt hundertfach spiegeln, jedoch schattenhaft und verzerrt. An der Decke sind zwei Leuchtstoffröhren angebracht, deren Summen sich in meine ohnehin schon wunden Rezeptoren gräbt. Eine der Röhren flackert und taucht alles in ein Stroboskoplicht.

Die Tür ist aus Metall und nur zwei Schritte von mir entfernt. Bis auf das Summen der Leuchtstoffröhre und meine eigenen stoßweisen Atemzüge ist es still. Mein Geist versucht, ein Muster zu formen, die Umgebung hier mit bekannten Informationen zu verbinden, doch da ist nichts. Der Ort in mir, an dem meine Erinnerungen sein sollten, ist genauso leer wie dieser Raum. Ich weiß nicht wo ich bin, warum ich hier bin und viel schlimmer: ich weiß nicht wer ich bin.

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