Bernstein

Der Zug hielt und alle Menschen um mich stiegen aus. Kurz fühlte ich mich vom Leben überholt. Ein älterer Herr sah meinen verwirrten Blick.

Gleis defekt. Heute geht nichts mehr.“

Ich stieg aus und war gefangen in einer Blase aus Bedeutungslosigkeit. Hier gab es nichts für mich. Mein Leben, meine Ziele und mein wacher Verstand waren vorausgefahren und bereits weit entfernt. Was hiergeblieben war, fühlte sich eher nach dem Schatten einer Existenz an. Doch es war Abend und ich war gestrandet in diesem Nirgendwo. Dem Gefühl nicht hierher zu gehören, entsprang eine ganz neue Form von Einsamkeit. Plötzlich beneidete ich die Reisenden um mich herum, die so zielgerichtet menschlicher Gesellschaft oder einem Heim entgegengingen. Ich aber blieb auf dem Gleis stehen, bis ich schließlich vollkommen allein war. Die Schatten in den Ecken gähnten schwarz, doch der Himmel war dunkelblau und voller Sterne, so als wollte er aus Mitleid mit dem Verlorenen eine weiche Decke über mich breiten.

Ich griff in meine Tasche und blätterte hilflos durch das Adressbuch. An einer Stelle – beinahe auf der letzten Seite – sah ich ihren Namen. Ich weiß noch, wie ich erst widerwillig an sie dachte. Da waren die Angst vor dem was war und die, nur noch eine Erinnerung zu sein. Da war der Horror, selbst im Angesicht des Anderen nicht in die dritte Dimension zurückzufinden. Und doch waren plötzlich Fragen in mir – eine Neugierde und ein sanfter Hall von etwas, das einmal tief in mir gewesen war. Zuletzt siegte die Einsamkeit.

Ich stieg in das einzige Taxi gegenüber des Bahnsteigs. Hatte der Fahrer auf mich gewartet, oder war er selbst hier gestrandet? Ich wagte es nicht zu fragen. Stattdessen nannte ich ihm die Adresse, die schon halb verblasst auf dem Papier geschrieben stand. Meine Stimme war monoton, denn der Ort von dem ich sprach, war gesichts- und seelenlos für mich.

Die Straßenschluchten rasten grau und immer gleich an uns vorbei – ihr Echo ein Niederschlag auf dem Glas der Scheiben. Mein Blick hungerte regelrecht nach etwas Besonderem und sei es noch so abscheulich – doch da war nichts. Für mich hatte dieser Ort eine geradezu schreiende Monotonie, dass ich schließlich den Blick abwandte. Auf der Fußmatte zu meinen Füßen stand: Don’t worry, be happy! Darauf wusste ich keine Antwort.

Als ich vor dem Haus stand, plagte mich der Zweifel. Hätte ich mich anmelden sollen? Doch dieser Zweifel war nichts weiter als ein Schatten sozialer Konvention. Tief in mir wusste ich, dass ein Wiedersehen nur von Angesicht zu Angesicht möglich war. Sosehr es mir auch vor peinlicher Berührung die Kehle zuschnürte – anders konnte es nicht sein.

Das spröde Plastik des Klingelknopfes quietschte leicht. Sonst war nichts zu hören. Ich wartete. Ich klingelte erneut. Und wartete wieder. Erleichterung stieg in mir auf. Die Einsamkeit war etwas, mit dem man fertig wurde, wenn man es musste. Die Gefahr der Pause, des Suchens nach Worten war gebannt. Ich wandte mich zum Gehen und die Tür hinter mir wurde geöffnet.

Sie war es und doch nicht. Sie war das geworden, von dem man einst geahnt hatte, dass sie es werden würde. Dies war nicht das Mädchen, dessen Schatten noch immer weit hinten in den Windungen meines Verstandes wandelte wie eine Erscheinung aus einer Geschichte von Edgar Allen Poe. Doch dann biss sich die fremde Frau vor mir auf die Unterlippe und strich in Gedanken eine Haarsträhne hinter das rechte Ohr. Auf einmal fügten sich das Erinnerte und das Gesehene zusammen, wie wenn man zwei durchscheinende Schablonen übereinander legt. Plötzlich fühlte ich Sonnenstrahlen auf meiner Haut und meine Schulter schrie nach einer Wange, die sich an schmiegte. Eine Weile standen wir einfach nur da und schauten uns an. Dann drehte sie sich um und ließ die Tür hinter sich geöffnet. Ich blieb kurz stehen und atmete tief, dann folgte ich ihr hinein.

Im Haus roch es nach fremden Erinnerungen unter die sich hier und da etwas Vertrautes mischte. Ich sah ihr zu, wie sie Kaffee kochte. Dann saßen wir auf der Couch. Der Kaffee war stark und schwarz. Das Bedürfnis sie zu berühren, war fast überwältigend. Jeder Atemzug, der einen Hauch ihres frisch gewaschenen Haares zu mir trug, war wie eine Reise in die Vergangenheit. Sie stellte die Kaffeetasse ab und sah mir erneut in die Augen. Dann legte sie sich hin und bettete ihren Kopf in meinen Schoß, so wie sie es früher manchmal getan hätte. Und dann hörte ich zum ersten Mal seit Jahren ihre Stimme.

Es war Sommer, als wir uns das letzte Mal sahen. Ich war da und du warst da. Das war alles was zählte. Da war diese Hitze, die die Luft flimmern ließ und mein dünnes Kleid klebte mir nass am Rücken. Ich weiß nicht mehr, was wir taten, doch wir endeten auf der Wiese am See. Im Schatten der alten Steinmauer lagen wir und wir waren ganz allein. Damals wollte ich deine Hand nehmen und nie wieder loslassen. Ich wollte in diesem Moment mit dir versinken – für immer. Ich wollte dich küssen und wollte, dass du mir das Kleid über den Kopf ziehst. Ich wollte dich mit Haut und Haaren, mit Schweiß und aufgeschürften Knien.“

Ich wagte nicht ihren Kopf zu streicheln, auch wenn ich es gern getan hätte.

Warum hast du es nicht getan?“

Sie antwortet lange nicht. Als ich schon glaubte, sie sei eingeschlafen, sprach sie wieder.

Weil ich dich so geliebt habe, wie wir waren – unschuldig, unbeschwert und frei. Es war, als hätte ich gesehen, wie wir werden würden. Ich wusste, wir würden uns nicht halten können. Deshalb bin ich gegangen. Ich habe uns eingeschlossen wie ein Fossil in einem Stück Bernstein. Ich wollte uns immer und überallhin mitnehmen.“

Was ist dann passiert?“

Ich habe uns verloren. Aber ich habe seitdem immer nach uns gesucht.“

Mit diesen Worten setzte sie sich auf. Eine Träne lief aus ihrem Augenwinkel. Dann erhob sie sich und ließ ihr Nachthemd fallen. Mein Blick glitt über ihren nackten Körper und suchte nach einem vertrauten Mal, einem Schwung von Form, doch ich sah nur die unbekannte Frau – weich, unvollkommen und wunderschön. In ihrem Duft aber, war sie ganz so wie damals. Und bald fühlte ich auch die Sonnenstrahlen, die sie noch in sich hatte.

Später lagen wir auf der Couch beieinander. Nun bettete sie ihren Kopf auf die Schulter, die so sehr nach ihr gedürstet hatte. Wir sagten nichts mehr. Die ganze Nacht lagen wir da und glitten zusammen zwischen Schlaf und Wachen hin und her. Am Morgen packte sie mich mit beiden Händen im Nacken. Diesmal war es anders – fordernder, ohne Zärtlichkeit, ein sich ineinander Verbeißen und Festkrallen.

Als ich später aufstand und mich anzog, schlief sie. Auf ein Stück Papier schrieb ich meine Adresse. Ich sah sie ein letztes Mal an. Nun war sie auch für mich eine Erinnerung – ein Stück konserviertes Glück. Seit diesem Tag sehe ich immer wieder hinüber zum Telefon und hoffe darauf, dass dieses Glück nicht für immer in Bernstein erstarrt.

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