Im Rauschen der Trauerweide (Auszug)

Der Nebel der Erinnerung zeichnete alles weich und leicht farblos. Ansichten und Gefühle waren seltsam ausgewaschen – Schatten ihrer selbst. Hagen sah sein 10-jähriges Ich im Wohnzimmer seines Großvaters sitzen. Ein dickes Buch lag auf seinen Knien und er war ganz versunken in dem Malstrom aus Worten. Die Trauerweide im Garten rauschte und Vogelgezwitscher schwebte durch den Raum. Die Sommerhitze ließ Schweißperlen auf Hagens Stirn hervorquellen und ganz allmählig wurde er schläfrig. Während er noch neben den Helden seiner Geschichte durch die unerforschte Wildnis schritt, wurde der Kopf des Jungen schwerer und schwerer. Ganz langsam sank er nach vorn und schlief auf dem Teppich zusammengerollt ein. Er träumte.

Das Wohnzimmer war noch da, aber es hatte sich verändert. Statt Taschenbüchern standen jetzt gebundene Folianten in dem großen Regal beim Fenster. Der Esstisch war grob gezimmert und statt der Schreibmaschine standen Federkiel und Tinte auf dem Schreibtisch. Und über allem dröhnte das Rauschen der Trauerweide. Es war jetzt so laut, wie die Brandung eines unsichtbaren Ozeans.

Plötzlich flackerte das Bild vor seinen Augen und er stand im Garten. Der Duft der Rosenbüsche war aus der Nähe so stark, dass er ihm den Atem nahm. Die Trauerweide stand jetzt direkt vor ihm und sie neigte sich in einem Sturm, der nicht da war. Ihre herabhängenden Äste bildeten eine Mauer, in deren Mitte sich eine dunkle Kluft aufgetan hatte. Etwas zog Hagen genau dorthin.

Langsam – Schritt für Schritt – ging er auf die herabhängenden Äste der Weide zu und streckte die Hand aus. Als seine Fingerspitzen die Dunkelheit dahinter fast erreicht hatten, fühlte er eine seltsame Kühle von ihr ausgehen, die so gar nicht zu der Sommerhitze passen wollte, die ihm bis in die Traumwelt gefolgt war. Und es war diese Kühle, die ihn nur noch mehr anzog.

In diesem Moment zerbarst der Traum in Abermillionen von Scherben. Der Junge wurde jäh in die Realität zurückgeschleudert. Vor ihm stand Großvater – die Gesichtszüge auf schreckliche Weise entgleist. Hagens Wange brannte von einer Ohrfeige und sein Kopf hämmerte. Sie standen im Garten, ohne dass er wusste, wie er hierher gekommen war. Tränen liefen über Hagens Wangen. Großvater – sonst sanft und liebevoll – packte ihn grob bei den Armen und schüttelte ihn.

Was hast du getan?“

Die Augen des Alten traten beinahe aus den Höhlen. Hagen schrie vor Angst und Schmerz auf.

Hast du sie berührt?“

Das Geschrei rief Hagens Mutter auf den Plan. Sie stürzte sich auf ihren Vater und entriss ihren Sohn seinem Griff. Es folgte ein wilder Disput, doch auch Mutter konnte Großvaters Raserei nicht aufhalten. Schließlich nahm sie Hagen auf die Arme und rannte mit ihm zum Auto.

Dies war das letzte Mal gewesen, dass er seinen Großvater gesehen hatte. Es hatte keine Erklärung gegeben, keine Entschuldigung. Der Mann, der dem Jungen eben noch so nah gewesen war – ein väterlicher Freund und Vertrauter – war verschwunden und blieb es über die Jahre – bis heute.

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