Der Ladenhüter (Auszug)

Es war schon spät und der Besitzer des kleinen dunklen Ladens stand von seinem Hocker hinter dem hölzernen Tresen auf, um zu gehen. Er freute sich auf einen heißen Tee mit ein paar Tropfen des goldschimmernden Selbstgebrannten, den er hinter einem Dicken Buch im Regal seines Zimmers vor seiner neugierigen Wirtin verborgen hatte.

Doch als der Mann die Hand nach der Klinke ausgestreckt hatte, erschien eine dunkle Silhouette in der Scheibe der Ladentür. Die Tür wurde aufgerissen und im hellen Läuten einer kleinen Silberglocke trat ein Mann herein. Seine Haare lagen wie ein Helm um sein Haupt und seine Schuhe quietschten. Sein brauner Mantel war fast schwarz, so voll hatte er sich mit Wasser gesogen.

Der Fremde blieb abrupt stehen, um nicht in den Ladenbesitzer zu prallen und sah diesen aus Augen an, die so wässrig waren, wie die Pfützen, die sich um seine Schuhe bildeten.

Ich brauche ein Geschenk für meine Frau“, sagte er und ließ seine Blicke über die wenigen Regale schweifen. „Aber es darf nicht zu teurer sein.“

Der Ladenbesitzer lächelte, nickte und vollführte eine Geste, die den ganzen Raum einschloss. Ohne ein Wort zu sagen, ging er zurück zu seinem Hocker hinter den Tresen und setzte sich.

Der Mann war unterdessen mal hierhin und mal dorthin gegangen. Dabei hinterließ er nass glänzende Fußspuren. Je länger er aber die Waren in den Regalen anschaute, desto mehr zogen sich seine Brauen zusammen.

Eigentlich gab es einiges zu sehen. Da waren ein kleiner Zinnsoldat mit abgebrochenem Degen, eine Trommel mit gerissenem Fell, ein Teddybär mit großen kahlen Flecken und nur einem Auge, ein halber Bleistift, eine Fidel ohne Saiten, ein Service, bei dem kein Stück zum anderen passte und vieles mehr. All das sah ganz wundervoll aus, doch schien dem Fremden nichts zum Geschenk zu taugen – und er wurde ärgerlicher und ärgerlicher.

Was verkaufen Sie hier? Das ist doch alles Müll“, sprach er. „Ich bin nur hier herein gekommen, weil es dies einzige Geschäft war, in dem noch Licht brannte. Aber was soll ich hier kaufen. Hier gibt es ja nichts als alte Ladenhüter.“

Doch seine Wut schien den Ladenbesitzer nicht aus der Ruhe zu bringen. Im Gegenteil: Er lächelte freundlich und nickte wieder.

Sie haben Recht“, sagte er. „Ich verkaufe nur Ladenhüter. Das ist mein Geschäft.“

(…)

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