Augen im Tunnel (Auszug)

Alles begann wieder als der Anruf kam. Das alte Telefon schrillte blechern und stach wie ein stumpfes Messer in Wills Bewusstsein. Die Tabletten hatten ihn in einen weichen klebrigen Kokon eingesponnen, dem er trotz des dumpfen Schmerzes nicht so einfach entkommen konnte. Der unbekannte Anrufer jedoch dachte nicht daran, aufzugeben, oder es später noch einmal zu versuchen. Das Klingeln hielt solange an, bis Will sich halb aus dem Bett fallen ließ und, auf einen Arm gestützt, mit dem anderen nach dem Telefon auf dem nahen Tischchen angelte.

Er erwischte das Verbindungskabel und zog daran. Das Telefon rutschte vom Tisch und fiel mit einem scheppernden Laut zu Boden. Will erreichte den Hörer und zog ihn und das Telefon daran mit sich ins Bett. Er hielt sich das kalte Plastik ans Ohr und nuschelte eine Begrüßungsformel in den Hörer.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung war weiblich, ruhig und warm, doch als ihre Worte ihren Sinn in Wills dämmrig erleuchteten Hirn entfalteten, schien sein Blut zu Eis zu werden. Mit einem Mal war er hellwach. Sein Puls raste und obwohl er zitterte, brach Schweiß auf seinem gesamten Körper aus. Er stellte Fragen, stammelte nur eine Bestätigung und eine Antwort, dann entfiel der Hörer seinen kraftlos gewordenen Fingern.

Dann lag er da und starrte in die Ecke, dort wo das verlassene Netz einer Spinne Staubflusen fing, ohne etwas zu sehen oder wahrzunehmen. Und ohne dass er es bemerkte, zog er die Knie an den Körper und rollte sich zusammen wie ein Embryo im Mutterleib. Vor seinem Inneren Auge aber waberten Schatten, Schatten mit dutzenden Augen, Schatten, die wussten.

***

Nach einer Nacht, die gegangen war wie ein schon im Ansatz bereuter One-Night-Stand, stand Will auf und ging nackt wie er war ins Bad. Er ignorierte sein Spiegelbild, wie er es schon lange tat, und stellte sich unter die Dusche. Während seine Hände Seife auf seinem Körper verteilten fuhren sie über weit verzweigte Narbengewebe hinweg. Wills Haut war ein Dschungel halb vergessener Pein – kleine roterhabene Kreise auf seinem Rücken von Zigaretten, lange gezackte Narben von Messern und Glasscherben. Dazu Schnitte, die dem Verlauf seiner Adern folgten, wie die Vegetation an einem Fluss.

Er war oft gestorben – vielleicht zu oft, doch er war immer wiedergekehrt. Sein Leben bereitete ihm keine weitere Freude, als den Triumph, den jeder einzelne Atemzug bedeutete – Triumph über den Schmerz, Triumph über den Tod und Triumph über all jene, die ihn zum Sterben zurückgelassen hatten. Er war gestorben, doch der Tod hatte ihn nicht halten können.

Seine Hand wischte über den beschlagenen Spiegel und zum ersten Mal seit langem sah er sich. Seine Augen glänzten fiebrig und sein Gesicht war eingefallen und schmal. Die Sachen die er anzog wirkten zu groß – wie die abgelegte Garderobe eines großen Bruders. Doch es gab keinen Bruder. Nur Will, das Überleben und das, was die Stimme am anderen Ende der Leitung gesagt hatte.

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