Es lauert

Die See lag ruhig und verlassen da. In diesen Breiten wurde es auch im Sommer schnell kühl, sobald der Abend kam. Der Schein der langsam über den Bäumen versinkenden Sonne färbte das Wasser orangerot. Wie immer hatte Max es sich mit einer Kanne grünen Tees auf der kleinen Veranda gemütlich gemacht. Neben dem Lehnstuhl lag Wally und döste zufrieden. Leise Musik drang aus dem Inneren des kleinen Hauses zu ihnen heraus.

Max griff in den alten Beutel vor sich, fischte Papier, Tabak und Filter heraus und begann damit, sich eine Zigarette zu drehen. Von den einst dreißig am Tag war diese eine am Abend geblieben – immer untermalt von dem erdigen Duft des Tees und dem Geschmack nach Jasmin auf seiner Zunge, die sich mit dem des Tabaks mischten. Max inhalierte tief und blies den Rauch langsam aus. Wie Nebelschwaden wehte er um seinen Kopf und driftete dann, sich langsam verlierend, zum See hinüber. Eine leichte Erregung stieg in ihm auf. Doch es war keine Angst, sondern Glück. Max war wahrhaft glücklich.

Auf der Veranda des Nachbarhauses, etwa 50 Meter entfernt, erschien ein Junge. Max winkte und Wally hob kurz den Kopf. Dann bellte er einmal – seine Art „Guten Abend“ zu sagen. Der Junge trug bereits einen Schlafanzug und darüber einen Bademantel. Auch er winkte und kam dann langsam herübergeschlendert. „N’Abend“, sagte er und setzte sich auf einen freien Stuhl neben Max. Dann beugte er sich nach unten, um Wally zu streicheln. Der Corgi behielt die Augen geschlossen und ließ es sich gefallen.

Guten Abend Oskar.“ sagte Max und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. „Tee?“

Oskar schüttelte den Kopf.

Wenn ich jetzt grünen Tee trinke, kann ich nachher nicht schlafen und morgen ist Wochenende.“

Willst keine deiner Serien verpassen, was?“

Oskar nickte mit einem schiefen Grinsen. Dann machte er auf einmal große Augen. Ihm wahr augenscheinlich etwas eingefallen. Er griff in die Tasche des Bademantels und zog ein zerlesenes Taschenbuch hervor.

Das wollte ich ihnen zurückgeben.“

Hast du es gelesen?“

Erst war ich mir nicht so sicher, ob ich Lust hab‘. Das ist schließlich ein Kinderbuch. Aber dann habe ich mir gedacht: Sie müssten es ja wissen.“

Max schmunzelte.

Wie hat es dir gefallen?“

Erst einmal war es ein bischen kindisch, so wie die Märchen in den Büchern, die mir meine Mutter früher vorgelesen hat. Aber dann gab es einen Krieg und diesen mächtigen Löwen.“

Für Narnia! Für Aslan!“, zitierte Max.

Oskar grinste wieder schief und nickte.

Ja es war eigentlich ziemlich toll, aber ich habe nicht verstanden, warum der Löwe zugelassen hat, dass ihn seine Feinde umbringen.“

Max’s Blick folgte der untergehenden Sonne als wolle er ihr hinter die Bäume folgen. Als er sprach war er zum Teil an einem ganz anderen Ort.

Er hat sich geopfert, weil er nicht so werden wollte, wie die, die ihm nach dem Leben getrachtet haben und um die zu schützen, die er liebte.“

Oskar war eine Weile still, während sein junger Verstand versuchte, die schweren Gedanken unter der Oberfläche der Worte zu bergen wie versunkene Schätze. Dann nickte auch er.

Willst du ein neues Buch ausleihen?“ fragte Max.

Oskar winkte ab.

Nicht für’s Wochenende, aber ich komme am Montag wieder.“

Damit stand er auf. Streichelte Wally noch einmal und schlenderte dann zurück zum Häuschen seiner Eltern. Max schaute ihm nach, bis er hinter der Haustür verschwunden war und trank dann noch immer lächelnd einen Schluck Tee. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Funken der Bücherliebe in Oskar zu entzünden und er würde am Ball bleiben.

Eine Weile dachte er an nichts und genoss einfach die kühle Brise, die vom Meer herüberwehte. In seiner Flanelljacke hatte er warm. Als die Sonne untergegangen war, blitzen Sterne am Himmel und spiegelten sich im schwarzen Wasser unter ihnen. Max sah diesem Schauspiel zu und wieder stieg dieses Gefühl überschäumenden Glücks in ihm auf. In der einen Hand die Teetasse, die andere in Wallys Fell vergraben dachte er an die Zeit, als er nicht gewusst hatte, was er mit seinem Leben anfangen sollte – an die Zeit in der sein jetziges Glück kaum vorstellbar gewesen war. Damals hatte er nicht erwartet je 67 Jahre alt zu werden oder ein kleines Haus am Meer zu besitzen. Verdammt, er hatte nicht erwartet überhaupt die große 40 zu erreichen.

Doch Laura hatte alles verändert. Sie hatte an ihn geglaubt und ihn gezwungen, zu schreiben. Sie hatte ihn geliebt und ihm damit Mut gemacht. Laura war nun schon drei Jahre tot und damit hatte sie ihm die letzte Angst genommen: die Angst vor dem Tod. Wo immer er hingehen würde, sie würde schon auf ihn warten. Deshalb war er trotz des Verlusts nicht bitter. Sein Leben hatte einmal eine Laura gehabt und das war mehr, als er sich je erträumt hatte. Nun verbrachte er die Zeit in der Bahnhofshalle seines Lebens so angenehm wie möglich. Und wenn er dabei hier und da etwas Gutes tun konnte, war das ein erfreulicher Bonus. Bald würde der große dunkle Zug ihn mitnehmen.

Nach etwa einer Stunde erhob er sich und ging nach drinnen. Wally folgte ihm auf seinen kurzen Beinen. Das Häuschen war ganz aus Holz gebaut, ein einziger großer Raum mit einer offenen Küche sowie einer Empore, die eine Schlafecke bildete. Einzig ein kleines Badezimmer war im rückwärtigen Teil des Raumes abgetrennt. Überall sah man naturbelassene Holzstämme und dazwischen Lehmverputz. Zärtlich ließ Max die Hand über einen der Balken gleiten. Ein Schnauben aus Bodennähe erregte seine Aufmerksamkeit. Er trat an den Kühlschrank und holte eine Dose mit Hundefutter hervor.

Sir Walther Scott, ihr Diné ist serviert“

***

Die Berührung einer rauen, nassen Zunge weckte Max. Orientierungslos setzte er sich auf und versuchte mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Die Leuchtziffern des Nachttischweckers standen auf 02:30. Bis auf den leisen Hundeatem neben dem Bett war alles ruhig. Max streichelte Wally beruhigend – und stellte fest, dass das Fell des Corgis gesträubt war. Leise grollend begann Wally zu knurren.

Sofort war Max hellwach. Noch nie hatte der Hund geknurrt. Selbst als er sich im vergangenen Sommer einen Glassplitter in die Pfote getreten hatte, hatte er keinen Mucks von sich gegeben. Andere Hunde und Menschen wurden stets mit Liebe überschüttet. Etwas stimmte nicht. Leise stand er auf und ging geduckt zum Fenster. Auf der Waldseite der Hütte schien alles ruhig zu sein. Noch immer leise und leicht geduckt schlich Max die Treppe herunter und sah sich im Wohnraum um. Wieder nichts.

Max ging zur Spüle und zog ohne zu Überlegen ein großes Küchenmesser aus dem Block. Hinter ihm hörte er das leise Klacken von Hundekrallen auf den Dielen. Mit erhobenem Messer öffnete er leise die Eingangstür und schaute vorsichtig nach draußen. Die Sterne waren verschwunden und der Mond nur eine fahle Aura hinter Wolken. Das Wasser brandete schwarz gegen den Strand und Muscheln knirschten. Sonst gab es nichts zu sehen.

Wally knurrte wieder und bellte kurz. Dann huschte er auf kurzen Beinen in Richtung des Nachbarhauses. Max zögerte kurz, doch das ungewöhnliche Verhalten seines pelzigen Freundes beschwor eine dunkle Vorahnung herauf. Also folgte er Wally leise und mit tastenden Schritten. Der Corgi stand einige Meter entfernt neben dem Küchenfenster des deutlich größeren Bungalows. Hinter dem Bau wuchsen dichtes Gestrüpp und die ersten Ausläufer des nahen Waldes. Wallys Augen waren starr auf die Dunkelheit des Dickichts gerichtet.

Ein Rascheln. Etwas bewegte sich dort. Etwas Großes. Wally schoss bellend auf das Gebüsch zu und Max folgte, das Messer vor sich haltend. Aus der Dunkelheit vor ihnen erscholl ein Knurren – rau und doch seltsam gurgelnd. Plötzlich knackten Äste und dann sah Max Wally an sich vorbeizischen. Der Corgi blieb mehrere Meter hinter ihm winselnd liegen. Wut flammte in Max auf und er stürzte sich auf den Schatten. In diesem Moment flammte hinter ihm Licht auf. Etwas ließ das Dickicht erzittern und dann war alles ruhig.

Was zur Hölle ist hier los?“

Max fuhr herum. Eine Lichtflut brandete aus dem Türrahmen. Darin zeichnete sich eine schattenhafte Gestalt ab. Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte er Oskars Vater. Wie er selbst ins Licht blinzelte dieser in die Dunkelheit.

Irgendetwas war hier draußen. Der Hund hat es bemerkt.“

Max kniete neben Wally nieder. Ein hässlicher Schnitt zog sich über seine Flanke, jedoch zum Glück nicht tief. Max streichelte seinen Freund und dieser ließ ein leises Fiepen hören.

Und was soll das Messer?“

Verwirrt schaute Max auf seine Hand, die das Küchenmesser hielt. Er wusste nicht einmal warum er es mitgenommen hatte. Hier draußen gab es nichts, vor dem man Angst haben musste und doch war die Ahnung der Gefahr so stark gewesen, dass er instinktiv gehandelt hatte. Er suchte nach einer Erwiderung, doch Oskars Vater ließ ihm keine Zeit.

Gehen Sie nach Hause Max. Und ich würde es begrüßen, wenn ich sie nicht mehr bewaffnet in der Nähe meiner Familie antreffen würde.“

Damit drehte er sich grußlos um und verschwand im Haus. Max blieb zurück und kümmerte sich um Wally. Als er wieder zum Haus zurück ging – den verletzten Hund auf den schmerzenden Armen – fühlte er sich das erste Mal in seinem Leben richtig alt. Der erholsame Schlaf wollte in dieser Nacht nicht kommen und so saß Max lange in der Dunkelheit auf seiner Veranda und blickte abwechselnd auf die schwarze See vor ihm und in die Schatten neben dem Nachbarhaus. Vor ihm auf dem Tisch lag der Tabakbeutel und daneben das Küchenmesser. Neben ihm schlief Wally, einen frischen Verband um die Flanke.

Eine dunkle Ahnung hatte sich in Maxs Inneren eingenistet wie ein Parasit. Und da war noch etwas – etwas Neues, Unbekanntes: Angst.

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